Ungefiltert und ziemlich nüchtern, oder: Warum ich Fashion-Blogger relativ scheiße finde

Ich war auf einem Event für Fashion-Blogger, weil ich mich gefragt habe, wie dieser ganze fancy Lifestyle eigentlich live und in Farbe aussieht. Die Erkenntnis: Mit Insta-Filter und einem kleinen Schwips ist die Welt immer noch am schönsten. 

Klack, Klack. Klick, Klick. Klack. Ich kann die Geräusche der High Heels auf dem Mamorboden nicht mehr von dem Auslöser der Smartphone-Kameras unterscheiden. Ich stehe unter einem glitzernden Kronleuchter in einer Berliner Hotel-Lobby. Circa 30 aufgebrezelte Mädchen, die wahrscheinlich gehofft hatten, als Frauen durchzugehen, tummeln sich um ein Buffet voll mit Cake-Pops und Mini-Muffins und rühren es nicht an. Stattdessen fotografieren sie es aus allen erdenklichen Winkeln. Ich stehe in einem Sicherheitsabstand daneben, bewundere das Geschehen und habe Hunger. Hoffentlich greift jemand zu, bevor das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Hier und heute wird das neue Gesicht der Unterwäschemarke „Hunkemöller“ präsentiert. Bis jetzt war dieses Sylvie Meis – keine Ahnung, wie die das noch toppen wollen. Vielleicht durch richtig verwendete Artikel. Es bleibt spannend. Auch am Buffet.

Modeblogger sind das virtuelle Unkraut des 21. Jahrhunderts. Und auch Unkraut kann manchmal ganz hübsch aussehen, nerven tut es meistens trotzdem. Ich bin wahrscheinlich die einzige Nicht-Fashion-Bloggerin, die sich auf diesem Event aufhält. Blöderweise sieht man das auch, ich trage nämlich ein fünf Euro T-Shirt aus dem H&M-Sale, einen Rock, der, würde ich das richtige Waschmittel verwenden, wahrscheinlich schwarz wäre und einen Tick zu viele Haare auf den Waden. Auf der Straße würde ich nicht auffallen, hier fühle ich mich wie Olivia Jones bei der Bundespräsidentenwahl. Oder eher: Wie der Bundespräsident bei einer Olivia Jones-Wahl. Falls es so etwas gibt.

Dann, da! Ein Mädchen streckt ihre Hand Richtung Buffet und … dreht den Cake Pop mit der Glitzerseite zu sich und drückt ab. Immerhin wurde schon an den Getränken genippt. Ganz im Gegensatz zu den Umsonst-Veranstaltungen die ich kenne wird hier nichts Hochprozentiges weggeext. Ich habe sogar das Gefühl, dass die Getränke nach ihrem Aussehen ausgewählt werden – trägst du einen roten Lippenstift, nimmst du den Himbeer-Hugo, bei einem Nude-Look entscheidest du dich besser für den Prosecco. So wie ich aussehe, wäre ein Fläschlein Goldkrone wahrscheinlich das passende. Gibt’s hier aber nicht.

 

Ich hole mein Handy raus und öffne Instagram. Hashtag: Hunkemöller. Schon sehe ich auf meinem Handy ein paar von den Girls, die gerade vor mir stehen. Ohne Filter sehen die meisten von denen schon ziemlich gut aus, mit allerdings noch besser. Ich klicke auf einen Post und öffne das Profil der vermeintlichen Fashion-Bloggerin. 346 Follower. Beeindruckend. Ehrfürchtig beobachte ich weiter, wie sie sich keinen Cake-Pop nimmt.

Während ich auf der Suche nach unfotogenen Häppchen durch die Lobby irre, belausche ich ein paar Gespräche. Meine Suche erweitert sich auf „Gesprächsinhalt“. Der scheint hier nämlich zu fehlen. Eigentlich geht es immer nur um die Frage „Wer wird das neue Hunkemöller-Gesicht?“ Besonders schwindend ist der Gesprächsgehalt, sobald eine Kamera auf eine schnackende Bloggger-Runde schwenkt. Dann wird nur noch interessiert geguckt und die Haare beim Lachen zurückgeworfen. Hach, haben die hier alle Spaß.

Plötzlich hört die schummrige Lounge-Musik auf und alle außer mir wissen, wo sie hinzugehen haben. Tatsächlich dachte ich bis zu diesem Zeitpunkt, dass die mikrige Fotowand im Foyer der Platz ist, auf dem das neue Gesicht der holländischen Marke präsentiert werden soll. Doch dem Strom folgend werde ich in einen großen Raum mit Kronleuchtern geführt, in dem eine Bühne aufgebaut ist. Immerhin etwas glamouröser, als ich mir das ausgemalt habe.

Dann wird den angehenden Influencern nochmal 20 Minuten Zeit gegeben, um sich zu vertaggen, Selfies zu schießen und sich darüber zu ärgern, keinen Cake Pop gegessen zu haben, bis der CEO von Hunkemöller die Bühne betritt und 30 mal betont, wie excited er ist. Und dann, mit nicht gerade tosendem Applaus, da ja alle nur eine Hand frei haben, um mit der anderen ihr iPhone zu halten, betritt Doutzen Kroes die Bühne. Das mit den richtig verwendeten Artikeln hätte sich damit wohl auch erledigt. Ich glaube, ich bin die einzige, die das Model tatsächlich sieht, denn alle anderen betrachten sie nur durch ihr drittes Auge – ihr Smartphone. Ich bin super excited, der CEO ist super excited und auch Doutzen ist irgendwie super excited, was man ihr allerdings nicht anmerkt. Sie betont immer wieder, wie super sexy sie die neue Kollektion doch findet. Das ist übrigens auch das, was sie und Hunkemöller gemeinsam haben und was sie zur Markenbotschafterin macht: Sie sind beide sexy. Und aus Holland. Es gibt also doch noch eine Chance darauf, dass ich das Gesicht von Wiesenhof werde. Ich bin ja auch „Made in Germany“ und tue manchmal so, als würde vegetarische Wurst genauso gut schmecken wie echte. Eiskalt gelogen. Ich habe immer noch Hunger.

Meine Gedanken driften ab und ich entscheide mich zu gehen. Wieder im Foyer angekommen, sehe ich das jungfräuliche Buffet und niemanden, der es mit Blitzlicht belästigt. Ich nehme mir zwei Cake-Pops und verschwinde zur Tür hinaus, in die echte Welt. Den herablassenden Blick der in der Lobby wartenden Blogger-Mama, deren Blogger-Tochter heute wohl den Muttizettel vergessen hat, nehme ich als Kompliment mit dorthin.

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