Gruselgeschichten aus Rio de Janeiro

Dass Rio de Janeiro eine wunderschöne Stadt, das muss ich hier wahrscheinlich niemandem erzählen. Es gibt einfach keine bessere Kombi als Meer und Berge. Als Caipi und ein schönes Stück Fleisch (Sorry Veggies). Als viel zu braune Körper in viel zu kleinen Bikinihösschen. Dass ihr bei eurem Trip nach Rio die Aussicht vom Zuckerhut oder der Cristo Redentor Statue geniessen sollten, dass ihr im schneeweißen Sand an der Copacabana liegen und im bunten Viertel Ipanema Salsa tanzen solltet, dass muss ich hier auch niemandem erzählen. Deswegen werde ich euch mal über etwas anderes, und zwar von den schattigen Seiten der sonnigen Stadt berichten.

Ich bin kein Brasilien-Experte. Ich habe einfach alle Eindrücke die angeflogen kamen, aufgesogen. Alles, was ich hier schreibe, beruht auf meinen eigenen Erfahrungen und Gefühlen. Und auf Geschichten, die man sich erzählt. Keine Wissenschaft, keine Studien.

Ich war für fünf Tage mit der Airliner-Crew unterwegs, die uns nach Rio geflogen hat. Wenn man mit Flugbegleitern unterwegs ist, bekommt man vieles mit. Zum Beispiel, dass die Stewardessen gar nicht immer so überfreundlich sind, wie beim Einstieg ins Flugzeug. Oder, dass man auch mit den sonst so streng dreinschauenden Piloten doch ziemlich gut feiern kann. Aber auch viele Dinge über das Land, in das man gemeinsam geflogen ist. Die meisten Flugbegleiter fliegen seit über 20 Jahren und treffen immer wieder auf neue Kollegen, die ihnen Dinge mit auf den Weg geben. Lifestyle und Beruf sind dabei beinahe das selbe. Es ist quasi ein unfassbar großes Netzwerk an reiselustigen Geschichtenerzählern. Wäre ich Stewardess, ich hätte sicherlich schon mein zehntes Buch geschrieben über die Dinge, die mir passiert wären. Bei meinem Aufenthalt in Rio de Janeiro wurden leider hauptsächlich Geschichten über die Stadt erzählt, die mir ein mulmiges Gefühl im Bauch gemacht haben. Hier ist scheinbar doch nicht immer alles Caipi & Copacabana.

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In Rio de Janeiro, einer Stadt in der die Luxushotel beinahe direkt in den Favelas stehen, gibt es eine unfassbar hohe Kriminalitätsrate. Südamerika eben. In den Favelas herrschen eigene Gesetze. Ein Leben ist dort nicht viel wert. Da kann niemand so richtig etwas gegen tun, scheint so. Die Menschen dort haben nichts zu verlieren. Es geht den Leuten die wenig haben selten darum, jemandem wirklich zu schaden. Jemanden zu verletzen. Sie sind grundsätzlich keine Mörder. Keine Psychokiller. Wenn sie das kriegen, was sie wollen, lassen sie dich wahrscheinlich in Ruhe. Wenn du es ihnen allerdings nicht gibst, dann nehmen sie es sich trotzdem. Und wie gesagt, ein Leben mehr oder weniger spielt dabei keine Rolle. Denn es gibt keine Gesetze.

Vor 20 Jahren ist eine Flugbegleiterin und einer ihrer Kollegen die Copacabana entlanggeschlendert. Die Sonne schien und hat sich im weißen Sand gespiegelt. Es war heiß, man musste nicht mehr tragen als eine Shorts und ein kleines Top. Und eine Handtasche für die Wertsachen, insofern man überhaupt welche mitnimmt. Als die beiden dort entlanggingen kam von hinten ein Kerl, hat sich die Tasche der Frau gegriffen und ist weggerannt. Auf garkeinen fall Widerstand leisten war schon damals die Devise. Wenn es passiert, dann passiert es eben. Es sind ja nur materielle Werte, die verloren sind. Das wusste auch der Flugbegleiter, der mit seiner Kollegin unterwegs war. Aber wie das nun mal so ist, handelt man aus Reflex oft doch anders, als man das eigentlich geplant hatte. Der Kollege rannte dem Dieb hinterher. Als dieser das bemerkte, holte er kurzerhand seine Pistole aus seiner Hose und schoss. Einfach so auf der Copacabana. Es war einer der ersten Flüge des gerademal 26 Jahre alten Flugbegleiters. Die Handtasche war dem Dieb mehr wert, als ein Leben. Keine Folgen für Kriminellen, unfassbar schreckliche Folgen für den jungen Kollegen. Er war sofort tot.

Nachdem ich diese Geschichte gehört hatte, war mir nur mehr bewusst, wie ernst zu nehmen die Lage ist. Wertsachen auf der Straße offen mit sich zu tragen ist Tabu. Und das ist tatsächlich nicht nur etwas, was den Touristen empfohlen wird, denn auch die Einheimischen sind sich der Kriminalität bewusst.

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Als Berlinerin ist es schwer sich vorzustellen, wie ist es, sich in einer Stadt zu bewegen, in der es scheinbar keine Smartphones gibt. Hier in Berlin läuft doch jeder, mich selbst eingeschlossen, mit seinem Iphone in der Hand durch die Straßen. Egal ob für Maps, für Musik, für ein schnelles Foto oder einfach weil man’s kann. In Rio dagegen sieht man ungelogen niemanden mit einem Handy in der Hand auf offener Straße. An den Touri Hotspots ist das allerdings was anderes. Holt ein Tourist sein Iphone raus, denkt ein zweiter, dass es doch halb so schlimm ist und bald stehen alle da und schießen zwanzig gleiche Fotos vor der gleichen bunten Hauswand. Doch die Warnhinweise der Brasilianer und Reiseführer sind tatsächlich ziemlich ernst gemeint. Besonders auf Iphones haben es die Diebe abgesehen. Erst kürzlich wurde eine komplette Crew, mitten auf der immer gut besuchten „Escadaria Selaron“ – der bunten Fließentreppe im Künstlerviertel Santa Teresa – überfallen und ihnen allen wurden ihre Iphones abgenommen. Und das passiert täglich tausendfach. In unserer Reisegruppe gab es auch jemanden, der einfach nicht lernen wollte. Mit weißer Jeans, Armani Sonnenbrille und brandneuem Iphone 6 ausgerüstet stapfte er von Hotspot zu Hotspot. Tausendmal haben wir ihm gesagt, er solle wenigstens etwas aufpassen. Aber wie schon gesagt, wenn man andere Leute Dinge tun sieht, dann denkt man gleich, man kann das doch auch machen. Am letzten Tag unserer Reise ging besagter Herr morgens alleine an den Strand, so wie jeden Morgen. Und so wie jeden Morgen nahm er auch sein Iphone mit, um den Sonnenaufgang aber hauptsächlich sich selber zu fotografieren. Und auch wenn Dinge zehnmal gut gehen, kann beim elften Mal trotzdem etwas schief laufen. Am letzten Morgen dann kam ein junger Brasilianer zu ihm an und fragte ihn nach etwas zu essen. Der Herr zeigte seine Hände und sagte, dass er leider nichts bei sich habe. Daraufhin tippte der Brasilianer auf seine Hosentasche, sagte im gebrochenen Englisch, er habe doch sein Iphone dort drin und hielt ihm im selben Moment auch schon eine geladene Waffe gegen den Bauch. Zum großen Glück des Touristen war der Strand zwar leer, aber nicht komplett leer. Eine Einheimische spazierte mit ihren Hund an den beiden vorbei, der Hund bemerkte etwas und rannte dem Kriminellen entgegen woraufhin dieser aus Angst vor dem Tier seine Waffe wieder einsteckte und sich davon machte. Das war Glück im Unglück, es hätte auch ganz anders enden können. Aber das Iphone wurde von dem Moment an im Hotelzimmer gelassen, auch wenn es bloß der letzte Tag war.

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Die Geschichte, die mir allerdings am meisten Angst gemacht hat, war die, die mir eine Gruppe von Flugbegleiterinnen beim Spaziergang durch Ipanema erzählt haben. Vor ein paar Jahren waren sie auch hier in Rio. Eine der Kolleginnen hatte ihren Mann mitgenommen, um mit ihm einen kleinen Urlaub zu verbringen. Einmal machten sie einen Spaziergang. Der Mann lief etwas hinter der Frau. Und plötzlich war er verschwunden. Niemand weiß bis heute, wo er war oder wie er dort hingekommen ist, geschweige denn, wer ihn dorthin gebracht hat. Nicht mal er selber. Nach einer Nacht voller Angst wurde der Mann am nächsten Morgen am Strand der Copacabana gefunden. Lebend. Aber mit einer riesigen frischen Narbe einmal von oben bis unten über den Bauch. Es hat nicht lange gedauert, um zu verstehen, was hier passiert war. Trotzdem war es unbegreiflich – dem Mann wurde bei seiner Entführung etwas aus dem Körper entfernt. Es war eine Niere. Danach wurde er wieder zugenäht und einfach am Strand abgelegt, als wäre er ein nutzloser, verbrauchter Gegenstand. Es ging um illegalen Organhandel. Dass der Mann überlebt hat und auch, dass sein Körper nicht komplett ausgenommen wurde, ist vielleicht sogar etwas ungewöhnlich. Wenn man Berichte oder Geschichten im Internet darüber liest, dann ist es was ganz anderes, als wenn man sie von Leuten hört, die man kennt. Die diese Geschichte direkt miterlebt haben. Dann sind es keine Gerüchte oder Legenden mehr. Dann nimmt man alles gleich ein bisschen ernster. Organhandel ist in Brasilien weit verbreitet und immer wieder verschwinden Menschen auf mysteriöse Weise und kehren oft nicht wieder zurück. Es ist ein blutiges Geschäft bei dem – malwieder – ein Leben keine Rolle spielt. Nur das Geld, das mit den entnommenen Organen gemacht wird. Obwohl eine Niere teilweise nicht mal mehr als 100 Dollar einbringt.

Was soll ich sagen, man könnte 100 Geschichten über Rio de Janeiro erzählen. Nur ein Schnipsel davon sind Gruselgeschichten. Meer, Berge, Caipi, Fleisch und Bikinis gibt es trotzdem noch. Rio ist wirklich eine wunderschöne Stadt, aber das muss ich hier wahrscheinlich niemandem erzählen.

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5 Gedanken zu “Gruselgeschichten aus Rio de Janeiro

    1. Danke! Das soll dich natürlich nicht von einer Reise nach Brasilien abhalten, ich bin mir sicher, wenn man sich nicht zu naiv verhält, aufmerksam bleibt und sich Hinweise zu Herzen nimmt, wird nichts passieren. Und wenn doch mal das Iphone geklaut wird – die Copacabana und das brasilianische Essen machen das wieder wett! 🙂

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  1. Oh je, das sind ja wirklich Gruselgeschichten. Brasilien war bisher noch nicht auf meiner Bucketlist, das bleibt jetzt glaub ich erstmal so… Aber du hast echt einen schönen Schreibstil, deinen Blog kannte ich noch nicht. Den muss ich mir mal merken.
    LG Annika

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  2. Wow, das sind heftige und durchaus beängstigende Geschichten. Gleichzeitig wird einem wiedermal bewusst, in was für einem sicheren Land wir leben und dass Sicherheit für viele Menschen leider Luxus ist, den sie sich nicht leisten können. Danke fürs Teilen!

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