Flâneurie à Paris #1 : Ich bereue nichts. Oder vielleicht doch?

„Noooon, rien de rien. Noooon, je ne regrette rieeen!“ Mich im Schwung des Chansons einschäumend stehe ich unter der Dusche in meinem Pariser Apartement und habe durch das Dachfenster neben mir direkten Blick auf den im goldenen Lichte leuchtenden Eiffelturm. Gleich werde ich mich in meinen Bademantel kuscheln, mir einen guten Vin Rouge öffnen und auf  dem Balkon eine Cigarette rauchen. Eine von diesen Dünnen. In Deutschland heißen die Nuttenstängel, in Paris nicht. In Deutschland ist Rauchen sowieso uncool. In Paris nicht. Und in Deutschland könnte ich mir die soeben beschriebene Wohnung  tatsächlich leisten, in Paris nicht. Stattdessen muss ich mich für meinen Kurzurlaub in ein Hostel einmieten. Mehrbettzimmer, mixed. Badezimmer zwei Stockwerke tiefer. Das Hochbett –Gestell kippt zur Seite, wenn ich versuche, hoch zu kletttern. Und dabei habe ich noch nichtmal meinen ersten Crepe gegessen. Ich regrette sehr wohl rien, nicht ein paar Euro mehr für ein Hotel ausgegeben zu haben.

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Immerhin ist meine Unterkunft direkt an der Rue Mouffetard, eine der ältesten Straßen von Paris.  Nach einem kurzen und verwirrenden Smalltalk mit dem Rezeptionisten, der es schafft vor und hinter jedem Satz meinen Namen zu nennen, gehe ich los. Raus in die weite Welt, die für die nächsten vier Tage Paris heißt. Mein Plan ist es, keinen Plan zu haben. Erfahrungsgemäß ist das nämlich immer der beste Plan. Außerdem hat man vorher keinen Stress mit dem Planen. Es ist noch früh und im Quartier Latin, einem Viertel unweit der verschiedenen Uni-Komplexe und mit vielen Bars, hat noch nichts geöffnet. Ich schaue auf die Uhr, es ist viertel nach Neun. Bald dürfte also Leben erblühen. Eines der wenigen Dinge, die ich über Paris weiß, ist, dass mitten hindurch ein Fluss fließt. Ich beschließe, irgendwie in Richtung der Seine zu laufen. Auf meinem Weg begegnen mir echt viele Franzosen mit einem Baguette unterm Arm. Ich fühle mich irgendwie verarscht. An einer Straßenkreuzung riecht es nach Zucker und Butter. Ich gehe in die Boulangerie, in der die kleinste Schlange ist und probiere das erste Mal mein Französisch aus. „Je prends la croissant de Coco, et un café, s’il vous plait.“ Die Frau hinter der Theke antwortet mit „Coffee with milk and sugar?“. Ich bechließe, nie wieder Französisch zu reden. Ich bekomme mein Kokoscroissant und den Café.  Der Cafe ist viel mehr ein Shot. Er ist wirklich winzig. Naja, dafür hat er wenigstens 3,50 Euro gekostet. Ich spaziere weiter und mir fällt auf, dass tatsächlich kein einziges Haus hier aus der Reihe fällt. Alle Fassaden, Balkone und Haustüren sind gleich wunderschön. Zu gerne wüsste ich, wie Pariser Wohnungen von innen aussehen.  Mein Hostel verrät mir ja tatsächlich nicht allzuviel darüber. Jedenfalls hoffe ich das für die Pariser.

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Und dann sehe ich das Ufer der Seine. Und dahinter irgendein Haus. Ein großes Haus. Vielleicht eher eine Kirche. Und mein Stadtplan verrät mir: Vielleicht auch die Notre Dame. Vorbei an kleinen Flohmarktständen, die einzeln alle bezaubernd aussehen, zusammen aber eher wie  von der Stange, bahne ich mir meinen Weg in Richtung Notre Dame. Ich muss über eine Brücke hinüber auf die Ile de France. Dort angekommen stehe ich sicher 15 Minuten auf dem Platz vor der Kirche und blicke nach oben. Ich kneife meine Augen zusammen und versuche so gut es geht, die in Stein gemeißelten Dämonen zu erkennen, die am Rande der Notre Dame über die Stadt hinweg blicken. Kirchen interessieren mich deutlich wenig, erst recht von Innen. Die Notre Dame mit ihren steinernen Wächtern allerdings finde ich mystisch. Irgendwie gruselig. Ich ringe mit dem Touri in mir, ob ich Eintritt bezahlen und sie besichtigen soll. Der Kampf dauert 10 Sekunden, dann drehe ich mich um und gehe wieder in Richtung Seine. Vorbei an weiteren Marktständen, die alte Bücher und Drucke verkaufen. Ein Druck fällt mir besonders auf. Ein Rot-gelbes Bild mit der Aufschrift „les chats noir“. Genau das selbe hat mir mein damaliger Freund mal aus Paris mitgebracht. Er sagte, er habe es von einem Flohmarkt. Ich war mir sicher,  es war etwas ganz besonderes, aus einer alten Pariser Wohnung die aufgelöst wurde, oder so. Wenn ich gewusst hätte, dass er mit Flohmarkt einen von 30 gleichen Marktbuden meint, und es an jeder einzelnen den selben druck in 50-facher Ausführung gibt, dann … hätte ich mich wahrscheinlich trotzdem drüber gefreut. Aber vielleicht nicht so doll.

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Am gegenüberliegenden Flussufer sehe ich etwas, was mir gefällt. Ich weiß nicht, was es ist. Sieht aus, wie ein großer Palast mit einem riesigen Innenhof. Ich überquere die Seine und sehe ein Schild mit einem Pfeil in Richtung des Palastes: „Caroussel du Louvre“. Ahja, ganzschöner Insiderspot den ich hier entdeckt habe. Da ich noch keine Lust habe auf Museum habe und ich mir die Spannung bewahren will, gehe ich nicht in den Innenhof hinein, sondern außen vorbei. Ich gelange ich einen riesigen Garten. Oder wie der Franzose sagt: Jardin. Ich sage zehn mal hintereinander das Wort „Garten“ und einmal das Wort „Jardin“ und beschließe, nie wieder deutsch zu reden.

Auf einer Wiese spielen Hunde miteinander. Es sind unglaublich viele. Ich stelle mich daneben und warte, dass einer auf mich zu rennt und mit mir schmust. Es passiert nicht. Dann fragt mich ein Franzose, der scheinbar zu den Hunden gehört, ob ich einen haben möchte. Ich sage ja klar, gerne. Er fragt mich welchen. Der meint das ernst. Ironie ist nicht einfach, und schon garnicht, wenn man die Sprache ohne Ironie schon nicht beherrscht. Ich bechließe, lieber niewieder Französisch zu reden. Ansonsten habe ich bald womöglich noch schlimmere Dinge als einen Hund an der Backe. Einen Selfiestick zum Beispiel. Ohne Hund spaziere ich weiter durch den Jardin. Und tatsächlich alle fünf Meter wird mir ein Selfiestick zum Verkauf angeboten. Auch wenn ich Selfiesticks supporte, zerstört das echt das Bild dieses wunderschönen Parks. Es vertouristisiert einfach alles. Es nimmt den Zauber. Auch wenn Selfiesticks in der Tat magisch sind. Hier gehören sie nicht hin. Ich antworte den Verkäufern weder auf Französisch, noch ironisch, sondern lieber gar nicht und setze mich auf einen Liegestuhl am Rande des Springbrunnens. Schon vorhin in der Bahn ist mir aufgefallen, dass die Kopflehne an den Sitzen gefehlt hat. Auf dem Stuhl hier ist es genau das selbe. Entweder,  Franzosen sind sehr klein, haben eine unermüdliche Nackenmuskulatur, oder hängen immer wie ein Schluck Wasser in der Kurve auf ihren Sitzgelegenheiten. Ich jedenfalls bin jedes mal peinlich berührt und kurz vor einem Genickbruch, wenn ich meinen Kopf anlehnen will, dort aber einfach nichts ist.

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Von der französischen Möbelarchitektur enttäuscht stehe ich auf und gehe weiter in Richtung je ne sais pas.  Hinweg durch das Verkehrschaos am Ende des Jardin de Tulier, hinweg durch Menschenmassen die zum Louvre strömen, werde ich geradewegs auf der Champs Elysee ausgespuckt. Mit dem gleichnamigen Ohrwurm und einer Menge an undefinierbaren Erwartungen im Kopf schlendere ich die Straße entlang. Aber, ist es das jetzt? Die Champs Elysee gleicht viel mehr dem Ku’damm, als der Bergmannstraße. Ein Modegeschäft reiht sich ans nächste, dazwischen Restaurant mit roten Plastikstühlen. Dort gibt es sicher Chickenwings für die wartenden Ami-Väter. Vielleicht auch Biertower. Ich biege gleich die nächste Straße wieder ab und versuche wieder die Seine zu finden. In der Hoffnung, endlich mal einen Blick auf den Eiffelturm zu erhaschen.

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Am Fluss angekommen mache ich eine kleine Pause, rauche eine Cigarette und schaue einem schwer verliebten Pärchen beim verschlingen zu. Erst ihr Mittagessen, dann sich gegenseitig. Einige Leute spazieren an mir vorbei. Auch ein älterer Mann mit einem weinroten Pullover und einer Plastiktüte über er Schulter. Er läuft drei mal hin und her, immer an mir vorbei. Vielleicht ist er scharf auf meinen Platz. Ich tu ihm den Gefallen, stehe auf und gehe. Endlich in Richtung Eiffelturm. Nach wenigen Metern bemerke ich, dass sich der Typ gar nicht auf meinen Platz gesetzt hat. Er geht einige Meter hinter mir in die selbe Richtung. Ich laufe weiter, komme an einer Metro Station vorbei, überlege damit zum Eiffelturm zu fahren und entscheide mich doch für den Fußweg. Ich drehe mich um. Der Typ ist immer noch hinter mir. Irgendwie merkwürdig. Nur, um zu sehen was passiert, halte ich am Rand Ufers an einer Bank an. Aha, der Typ läuft also weiter. Falscher Alarm. Doch nach 15 Metern bleibt auch er stehen, lehnt sich an die Mauer und wartet. Ich laufe zurück, in die andere Richtung. Er läuft zurück, in die selbe. Aufeinmal bekomme ich Angst. Ich passe einen Moment ab, in dem er nicht guckt und laufe die Böschung hinunter, über die Straße, bis hin zur nächsten Kreuzung. Und dann weiter. Ich zittere vor Aufregung und drehe mich immer wieder um, um nach dem Typ zu sehen. In einer Seitenstraße verschwinde ich in so etwas wie einem Späti. Aus Angst, hinaus zu gehen und dem Typen wieder zu begenen, verbringe ich dort circa 20 Minuten damit, mir die Kekse anzugucken. Am Ende kaufe ich ein Wasser. Ich bin immer noch aufgeregt, aber beschließe, trotzdem weiter in Richtung Eiffelturm zu laufen. Der wird mich ja wohl nicht bis hier hin verfolgt haben. Doch als ich an der nächsten großen Straße bin, sehe ich ihn plötzlich wieder. Er dreht sich um und scheint etwas, oder jemanden, zu suchen. Das pack ich jetzt nicht. Ich reiße meine Hand nach oben und schnappe mir das nächste Taxi. Ich versuche dem Fahrer zu sagen, dass ich bitte zehn Euro weit in Richtung Quartier Latin fahren möchte. Nach einigen Anläufen verstehen wir uns und düsen los. Ich drehe mich um, ob mich der Typ in einem anderen Taxi verfolgt. So ist das doch immer in den Filmen. Aber nichts.

Zehn Euro und ausreichend Kilometer später steige ich aus und fühle mich schon viel besser. Zur Beruhigung setze ich mich in meinem Viertel in ein Bistro und trinke zwei Gläser Wein. Völlig in Gedanken bemerke ich gar nicht, wie plötzlich zwei Stunden vergangen sind und es beinahe dunkel ist. Ich gehe in mein Zimmer im Hostel und treffe auf drei Argentinierinnen, die gerade dabei sind, sich für diesen Abend noch ein Airbnb zu suchen. Warum will ich wissen. Sie zeigen mir ihre Arme und die darauf leuchtenden Bettwanzenstiche. Geilo. Nach einer gemeinsamen dreistündigen und vergeblichen Suche nach einem vierer Airbnb, dass uns diesen Abend noch aufnehmen würde, klettere ich doch in mein Bettgestell. Mit den unryhtmischen Schnarchgeräuschen meiner Mitbewohner in den Ohren und einem kribbeligen Gefühl auf der Haut schlafe ich ein und träume von einem Pariser Apartement mit Dachfenster und Blick auf den Eiffelturm. Und im Takt des Schnarchens höre ich von irgendwoher ein „Non, rien de rien. Non, je ne regrette rien…“.

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3 Gedanken zu “Flâneurie à Paris #1 : Ich bereue nichts. Oder vielleicht doch?

  1. Sehr witziger, charmanter Artikel. Du hast ein voll nette Schriebe. Ich mag die Ironie und deinen Sarkasmus. Aber wie ist die Geschichte ausgegangen? Wanzenbisse von Kopf bis Fuß?

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    1. Hallo Eva! Das freut mich sehr. Und wie die Geschichte ausgeht, das schreibe ich in den nächsten Paris-flaneurie-Artikel. Der ist bald online. Aber kleiner Spoiler: Nicht gerade gut. So garnicht gut sogar.. Liebe Gruesse, Cara

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