Flâneurie à Paris #2 : Wie ich mich einmal zweimal verliebte.

Ich stehe wieder unter der Dusche. Diesmal allerdings ohne Dachfenster. Überhaupt ohne ein Fenster. Dafür mit Flip-Flops. Die Romantik meines Traumes von Paris ist verflogen und das einzige Geräusch, das ich aus dem Badezimmer hinter dem Duschvorhang höre, ist das Schmatzen eines Übergewichtigen Chinesen beim Zähneputzens. Keine Edith Piaf aus dem Grammophon. Aber immerhin heißes Wasser. So wie es aussieht, wurde ich in der Nacht zwar von keiner Bettwanze ausgesaugt, habe aber dennoch das Gefühl, mir so einiges vom Körper abwaschen zu müssen. Ich beende das Duscherlebnis so schnell wie möglich und versuche, ohne den schleimig-keimigen Vorhang und die daran klebenden schwarzen Haare zu berühren, aus dem Becken zu steigen. Ich wickele mir mein Handtuch um, sage freundlich „Good Morning“ zu dem Schmatzer, er schmatzt „Grhhd Mroorng“ zurück und dann verabschiede ich mich stillschweigend für immer von dem Hostel-Bad. Lieber mache ich ab jetzt Katzenwäsche in der Seine.

Mein zweiter Tag in Paris beginnt unter der Erde. Ich fahre mit der Metro ein paar Stationen bis zum Caroussel du Louvre und folge dort den Massen zum Ausgang. Der Ausgang ist allerdings immernoch irgendwo unterhalb von Paris. Dort wird meine Tasche von zwei semi-motivierten Sicherheitsfrauen kontrolliert und dann stehe ich inmitten eines unterirdischen Shoppingcenters inklusive einem der Eingänge zum Louvre. Ich brauche eine halbe Stunde, bis ich den Ausweg finde und das Licht der Welt wieder erblicke und kann jetzt nachvollziehen, warum so viele Menschen in den Pariser Katakomben umgekommen sind. Die haben einfach nicht mehr herausgefunden. Und beinahe hätte mich in dem Louvre-Shopping-Paradies das gleiche Schicksal ereilt.

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Der Ausgang ist direkt im Jardin de Tuileries, dem Park mit den unmöglichen Sitzgelegenheiten. Ich versuche mit zusammen gekniffenen Augen schon aus der Ferne den Preis für einen Lattte Macchiato zu erkennen, der an der Tafel neben dem Café da vorne geschrieben ist. Ich glaube, 4,50 Euro zu lesen und hoffe darauf, dass beim Näherkommen aus der Vier eine Zwei wird. Oder eine Eins. Als ich einen Meter vor der Tafel stehe, hat sich immer noch nichts verändert und ich gebe die Hoffnung auf.

Heute habe ich tatsächlich gleich zwei Pläne: Ich möchte auf die Terasse der Galerie Lafayette, und einen Café, der so groß ist, dass ich darin baden könnte. Die Hoffnung stirbt zuletzt und tatsächlich finde ich auf dem Weg zum zweiten Kaufhaus des Tages ein kleines Bagel-Bistro, welches bezahlbaren Coffe-to-Go verkauft. Für’s baden reicht er leider nicht, aber eine Steigerung zum gestrigen Zwergencafé ist deutlich erkennbar.

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Die Straßen und Häuser hier sind genauso wunderschön, wie auch überall sonst in Paris. Ich laufe, gucke, fotografiere, laufe, schütte mir beim laufen Café über das Kleid, laufe, gucke, laufe. Laufe gegen ein Straßenschild.

Als ich die Galerie La Fayette betrete, denke ich mir, dass die ja genauso normal aussieht, wie die in Berlin. Aber dann kippt mein Kopf in den Nacken und ich blicke auf die schönste Kuppeldecke, die ich jemals gesehen habe. Die Michael Kors und Mac Stände versauen das Bild irgendwie ziemlich, aber wenn man den Kopf einfach gekippt lässt, geht’s. Mit dem Fahrstuhl fahre ich in die oberste Etage und lande dort auf einer riesengroßen Dachterasse mit einem unfassbaren Blick über Paris. Man sieht sogar den Eiffelturm. Da mich hier eh keiner kennt und ich auch niemanden kennen lernen will, packe ich meinen mitgebrachten Selfiestick aus und positioniere mich. Da das Gummi über dem Auslöseknopf verschoben ist, macht der Stick permanent Bilder. Das merke ich allerdings erst, als mir mein Handy nach der Fotosession anzeigt, dass der Speicherplatz auf meiner 32 GB Karte aufgebraucht. Naja, jetzt besteht immerhin die Chance, dass wenigstens ein Okayes Bild dabei ist. Traurig aber wahr: Es ist tatsächlich nur ein okayes Bild dabei.

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Dann fahre ich wieder runter, nutze noch kurz das Wifi um mein okayes Bild zu instagrammen und mache mich wieder auf den Weg. Irgendwie in Richtung Sacre Coeur. Nur so ungefähr. Auf meinem Weg komme ich an kleinen Theatern und niedlichen Plätzen vorbei. Vorallem aber an Restaurants. Und bereits Mittags um 12 sind alle Plätze besetzt. Auf jedem Tisch eine Karaffe Wein und mindestens ein Aschenbecher. Wie kann es sein, dass die Franzosen an einem Wochentag schon mittags im Restaurants sitzen und Wein schlürfen? Führen sie wohl das Leben, das wir uns alle wünschen? Und wer kann sich überhaupt so viel guten Wein leisten? Später wird mir erzählt, dass es sogar Gang und Gäbe ist, dass die Alkoholkontrollen der Polizei alle mittags stattfinden und nie abends, weil sich die Franzosen schon Mittags die Kante geben.

Und dann sehe ich es. Prunkvoll, verrucht, mystisch und edel. Not. Vor mir erscheint die rote Mühle. Auf deutsch würde der Name viel besser zum Ambiente passen. Moulin Rouge dagegen hört sich tatsächlich verrucht und sagen umwoben an. Aber so sieht es hier nicht aus. Dunkle Cafés und herunter gekommene Sexshops reihen sich an die Seite der riesigen roten Mühle. Tatsächlich eher bäuerlich, als glamorös. Ziemlich schnell will ich wieder weg von diesem Ort, auf den ich mich eigentlich gefreut hatte. Ziemlich ernüchternd. Ein bisschen, wie auf der Champs Elysee. Nur eben mit Sex- anstatt Modepuppen.

Ich nehme lieber eine Seitenstraße und komme in ein wirklich schönes Viertel. Ein wirklich schönes Viertel. Kleine Boutiquen, leichte Hügel, schweres Gebäck in kleinen Boulangerien. Und eine ziemlich große Kirche. Auf einem noch größeren Berg. Ich ignoriere meine schmerzenden Füße so gut es geht (zerfetzte Einlagen in den Schuhen machen sich nicht gut, bei einem sieben Stunden Spaziergang) und gehe die Stufen hinauf zur Sacre Coeur. Von oben hat man einen wundervollen Blick über Paris, nur den Eiffelturm sieht man mal wieder irgendwie nicht. Ich setze mich auf die Stufen vor der Kirche, esse ein paar Streifen getrocknete Mango und versuche, die 27523 anderen Menschen auszublenden, die heute auch die Idee hatten, hierhin zu spazieren. Dann spricht mich ein Tourist an und fragt, ob ich gut englisch spreche, er würde nämlich gerne ein paar Tage mit jemandem sein Englisch verbessern. Klasse Idee, das bei den Franzosen lernen zu wollen, denke ich mir und antworte ihm im perfekten Englisch, dass ich leider gar kein Englisch kann und mich meine Freundin außerdem gleich hier abholen wird. Sorry.

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Mein Handy surrt. Eine Benachrichtigung von der Website, auf der ich mir mein neues Hotel für die verbleibenden Nächte gesucht habe. Die Reservierung wurde bestätigt. Heute Nacht also keine Schnarcher und Bettwanzen, sondern ein ganz eigenes Zimmer. Ich tue gerade so, als hätte ich ein zwei jähriges Survivaltraining im Dschungel überlebt, aber ganz ehrlich: Die eine Nacht im Hostel war glaube ich viel schlimmer als das.

Ich fahre mit der Metro zurück zu dem Hostel, packe meinen Rucksack, „checke aus“ (heißt: Ich hole mir den 1 € Pfand für meine Zimnmerkarte zurück) und stapfe los in Richtung neues Hotel. Dann stapfe ich wieder zurück in Richtung altes Hostel. Laptop im Safe vergessen. Nach einer Reise durch halb Paris erreiche ich mein Hotel in Montmarte. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Irgendwie, als wäre ich hier schonmal gewesen. Und zwar heute. Und dann merke ichs erst: Das Viertel, in welches ich mich heute verliebt habe, ist genau hier. Es ist Montmartre. Direkt bei der Sacre Coeur. Das Hotel ist tatsächlich genau dort, wo ich es vorhin am schönsten fand. Ich kann mein Glück kaum fassen, werfe mich aufs Bett, nehme mir vor, das Viertel gleich noch besser zu erkunden und … schlafe ein.

Als ich aufwache spüre ich einen Knubbel an meinem Handgelenk. Dann noch einen. Und einen dritten, direkt daneben. Drei Stiche in einer Reihe. Nach und nach werden es immer mehr. An den Fingerspitzen, am Hals, sogar an meinem rechten Ohrläppchen. Es fängt an zu jucken. Scheiße. Scheiße, dass ich die Stiche hab. Und richtig scheiße, dass ich nicht weiß, ob sie noch vom Ekel-Hostel kommen, oder von meinem neuen Hotel hier in Montmartre. Ich stelle mich ohne Flip-Flops unter die Dusche und habe genauso wie heute Morgen wieder das Gefühl, mir einiges vom Körper waschen zu müssen. Der Unterschied ist nur: Jetzt weiß ich auch was.

6 Gedanken zu “Flâneurie à Paris #2 : Wie ich mich einmal zweimal verliebte.

  1. Eigentlich wollte ich nur mal schnell reingucken, aber dann konnte ich einfach nicht mehr aufhören zu lesen!
    Es macht richtig Spaß deine Berichte zu lesen und zu sehen, dass man nicht alles immer so ernst nehmen muss!

    Gefällt mir

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