Der Fernsehturm am Alexanderplatz in Berlin

Berliner Nächte: Wenn die (Capri)-Sun nicht mehr scheint

 

Gestern Nacht beobachtete ich einen Capri-Sun-Diebstahl. Einer der üblichen Verdächtigen, die eben so um halb eins Sonntag Nacht am Alex auf die U8 warten, nahm beim Rausgehen einfach eine vom Regal aus dem Kiosk mit. Für einen kurzen Moment zuckten meine Mundwinkel in Richtung eines „Ey Halt“, aber dann bemerkte ich die Blicke der dutzend anderen Leute, die mit mir da rumstanden. Zu ihnen gehörten sowohl der Kiosk-Besitzer, der in aller Ruhe den Boden weiter wischte, als auch vier Sicherheitsbeamte, die … ach, wenn sie wenigstens den Boden gewischt hätten! Und sie alle haben den Dieb beobachtet, manche mit mehr, manche mit weniger Interesse. Die Sicherheitsbeamten deutlich mit weniger.

In einem Stechschritt, der gleichzeitg aussah als versuche er einen Gymnastikball zwischen seinen Knien zu balancieren, hopste der Dieb um die nächste Ecke, ohne sich nochmal umzudrehen. Sein Körper war so knöchrig und schmal, dass ich mich unwohl fühlte. Jemand, der keine Muskeln hat, um mit den Fäusten zuzuhauen, der benutzt eben gleich eine Waffe, dachte ich mir. Ein Capri-Sun-Raub ist die Eintiegsdroge in echte Gewaltverbrechen. Erst Hasch, dann Heroin. Erst Capri-Sun, dann bewaffneter Bankraub, wenn nicht sogar gleich Mord.

Ich fühlte mich irgendwie spießig und ungroßstädterisch, dass ich den Raub als Raub ansah. Was er ja aber auch war! Doch niemanden interessierte es. Die vier Sichertsbeamten, wenn sie das denn waren (ich fragte mich, ob sie vielleicht nur zu einer Kostümparty wollten, aber neben sexy Schulmädchen oder Piloten hätte man als sexy DB-Sicherheitsbeamter wohl verloren) standen angestrengt rum, bis ein verwirrter kleiner Mann mit rotem Rucksack und Klettverschlussschuhen sie nach dem Weg fragte. Einer der Sicherheitsbeamten, ich glaube es war der, der am ambitioniertesten rumstand, verdrehte die Augen und verzog seinen Mund zu einem überheblichen Lachen. Es war eines dieser Lachen, die sich jemand, dessen Augen selber so weit auseinanderstanden wie die eines Hammerhais und der seine einzige Aufgabe den Bahnhof zu bewachen mit Höchstleistung ignorierte, echt nicht leisten kann.

Die Bahn, die der kleine Mann hätte nehmen müssen, war jedenfalls weg und die Capri-Sun auch. Achja, und der Räuber. Das war wohl nicht sein letzter Gesetzesverstoß, obwohl es mir langsam so vorkam, als wäre es überhaupt keiner gewesen. Ich fragte mich, was im Kopf des Diebes wohl noch so für Regeln galten. Zahlte er in Bars? Probierte er das Nutella schon während des Einkaufens, so wie in dieser unsinnigen „Real“-Werbung? Gab er seinen Freunden jemals die geliehenen Tennissocken zurück? Oder vielleicht immer nur eine?

Oder war er einfach nur empört darüber, dass nicht nur der Tag des Herrn (Gearbeitet wird hier nicht, Kioskbesitzer!) als auch die Capri-Sonne nicht mehr das sind, was sie mal waren? Letzteres würde ich schonwieder verstehen können. Die Frustration über den Verlust dieses verbalen Kulturguts muss ja irgendwie raus. Es sind die kleinen Dinge, die gemeinsam den Bach runter gehen und irgendwann alles überfluten. Capri-Sonne wird zu Capri-Sun, Juniortüte zu „Happy Meal“ und womöglich steht aus Gründen des internationalen Fames bald Miller-Loam-on am Klingelschild von Familie Müller-Lehman aus Obereichenbach.

Und weil das einen kleinen Vorgeschmack auf das Ende alles Schönem zugunsten des Kapitalismus gibt, kann ich beinahe wieder nachvollziehen, dass ihn das sauer macht. Da ist es mir lieber, er gönnt sich ordentlich Capri-Sun für umme um runterzukommen, als dass er seinen Ärger womöglich noch an mir auslässt. Ich stand mit Brille auf der Nase, einer Zeitung unterm Arm und einem MP3-Player, der mir an einem Band wie eine Zahnspangendose um den Hals hing, dort und dachte mir, dass ich mit Sicherheit das erste Opfer unter den Anwesenden wäre. Ich war eine regelrechte Zielscheibe für Sonntag-Nacht-allein-am-Alex-Sprüche in unverständlichem Deutsch von frustrierten Capri-Sun-Räubern. Aber selbst Schuld. Und als hätte das Schicksal mir sagen wollen „da geht noch was, Opfer“ wechselte mein Shuffle-Modus auf Frabrizio Paterlini.

Aber ich kam heil zu Hause an. Und dann dachte ich mir, dass die Angst um weiteren Verlust schöner Worte und Kindheitserinnerungen viel größer sein sollte, als die vor Schmalhänsen ohne Kleingeld und dringlichem Durst auf Capri-Sun.

Bild by Pexels.com

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